[ 16.04.2005 ] Beim Recruiting-Workshop der Boston Consulting Group (BCG) in Berlin konnten 60 High Potentials das Handwerk eines Strategieberaters in der Arbeit für ein „echtes“ Unternehmen kennen lernen.
Alle hier teilnehmenden hochqualifizierten Studenten, Universitätsabsolventen oder Young Professionals werden sofort zu einem Bewerbungsinterview bei BCG zugelassen, wenn sie wollen, das nimmt den Druck“, meint Roland Haslehner, Projektleiter bei BCG Austria. „Diese Veranstaltung ist kein Assessmentcenter, sondern ein reales Projekt mit einem realen Kunden, wo die Teilnehmer aus nächster Nähe erfahren können, wie ein Unternehmensberater arbeitet.“
Der Kunde ist die Sushi Factory, eine Fast- Food-Kette aus Hamburg, die tatsächlich Pläne schmiedet, nach Berlin zu expandieren. Eigentümer ist ein ehemaliger BCGBerater, Bodo von Laffert, der während seiner Studienaufenthalte in Japan Rolling- Sushi kennen und lieben lernte. In drei Teams, die in drei Module – Kunden, Vertriebskanäle/ Standorte und Wettbewerb – gegliedert sind, sollen die aus 700 Bewerbungen ausgewählten High Potentials, darunter sieben Österreicher, mit professionellem Datenmaterial eine Strategie für die Sushi Factory erarbeiten. Letztlich gilt es, die Frage zu beantworten: Soll das Unternehmen nach Berlin expandieren oder nicht?
Alle Teilnehmer treffen sich am Freitag, dem 8. April, in Hamburg, besichtigen die Produktion und die Lokale der Sushi Factory und fahren dann mit dem Zug, wo bereits die ersten Teamsitzungen stattfinden, nach Berlin. Im dortigen BCG-Büro werden die Teamberatungen fortgeführt, die am Samstag ihr Finale erleben. In einer Telefonkonferenz wurde für jedes Modul ein Sprecher bestimmt. Zudem gibt es Unterstützung durch einen BCG-Berater, der sich aber im Hintergrund hält und nur Tipps gibt, falls der Prozess in die falsche Richtung läuft.
Die Teams arbeiten mit Marktforschungsinstrumenten, wie Live-Interviews, Fokusgruppen oder einer Webumfrage unter 700 Konsumenten. Immobilienberater werden hinzugezogen. Die Sushi-Szene in Berlin wird vor Ort durch Lokalbesuche in Augenschein genommen. Als Basis für die Entwicklung einer Vertriebsstrategie muss eine fundierte Marktanalyse zugrunde liegen.
Leader und Teamplayer
In den intensiv und unter höchstem Zeitdruck geführten Teamberatungen kommen wie von selbst die unterschiedlichen Charaktere zum Zug – die Alphatierchen reißen die Führung an sich, die Kommunikatoren führen das Wort, die Forschertypen vertiefen sich in das Datenmaterial, die Kritiker stellen Thesen gezielt in Frage, die Innovatoren lancieren irritierende Lösungsansätze.
Die Teamzusammensetzung spiegelt die Firmenphilosophie der BCG: „Nur die Hälfte unserer Berater sind Wirtschaftswissenschaftler, die übrigen sind Ingenieure, Naturwissenschaftler, Historiker oder Mediziner. Stärker als Fachwissen zählen analytische Fähigkeiten und Kommunikationstalent“, so Just Schürmann, für Recruiting zuständiger Geschäftsführer.
BCG, weltweit führend in der Strategieberatung, hatte 2004 ungefähr 2600 Berater mit einem Gesamtumsatz von 1,3 Milliarden US-Dollar, davon 550 in Deutschland und Österreich, hier mit einem Umsatz von 246 Mio. Euro. Der Frauenanteil liegt bei 23 Prozent und soll zumindest auf ein Drittel gesteigert werden. Heuer will die Firma 150 Hochschulabsolventen und 100 Praktikanten einstellen. Zum Zug kommen nur Kandidaten mit ausgezeichneten Leistungen und Auslandserfahrung in Job oder Studium. In Durchschnitt bleiben Berater 3,9 Jahre bei BCG, nicht selten wechseln sie zu den hochkarätigen Kunden.
BCG wurde 1963 in Boston durch Bruce D. Henderson gegründet, der das Unternehmen 1975 an seine engsten Mitarbeiter verschenkte. Heute ist BCG im Besitz der 360 Partner, davon 70 in Deutschland und Österreich, die alle nur eine Stimme haben: one person, one vote.
Martin Koehler, BCG-Seniorpartner, zu den Workshopteilnehmern: „Sie werden in einem Bewerbungsinterview sicher nicht an Ihren Qualifikationen scheitern. Höchstens an Überheblichkeit und Arroganz. Was bei uns zählt, ist Bescheidenheit trotz exzellenter Leistungen, hohe analytische und intellektuelle Ehrlichkeit sowie soziale Kompetenz. Das Miteinander steht im Vordergrund – beim Kunden und intern.“
Natürlich ist der Job des Beraters sehr reiseintensiv. Dazu braucht es Durchhaltevermögen. Das bei der Abschlussparty in einer Berliner Szenekneipe